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Alles außer Mainstream

Print ist tot, unken viele. Trotzdem haben Jessica Reitz und Mark Kiessling Mitte der 2000er-Jahre ein Fachgeschäft für Zeitschriften gegründet – und leben noch heute von ihrem ausgefallenen Sortiment.

Berlin-Mitte, Auguststraße: Hier reiht sich ein Altbau an den anderen. Stuckfassaden, saniert, gut gepflegt. Dazwischen immer mal wieder DDR-typische Plattenbauten mit Tags von Sprayern im Eingangsbereich. Ein bisschen Punk ist noch geblieben aus der Zeit nach dem Mauerfall, als Hausbesetzer die Straße für sich beanspruchten. In den Erdgeschossbereichen der dicht an dicht stehenden Häuser geht es bunt zu: allerdings nicht wegen der Sprayer, sondern wegen der vielen Cafés und Galerien. Nicht umsonst gilt die Auguststraße als Kunstmeile Berlins. Hier wird viel Englisch gesprochen. Die Leute sind auffällig angezogen, machen lieber „Projekte“ statt jeden Tag um 9 Uhr im Büro aufzuschlagen.

Inmitten der stetig wechselnden Galerien, hippen Cafés und schicken Restaurants ist ein Magazinladen zum Hotspot für Kunstinteressierte aus aller Welt geworden. „Wer in dem Bereich arbeitet oder eine Leidenschaft für Kultur hat, kommt früher oder später zu uns“, sagt Jessica Reitz, Inhaberin von „do you read me?!“. Das Geschäft ist überraschend klein dafür, dass dort die lokale und internationale Bohème ein und aus geht. Die Lage in der Auguststraße kommt ihr und ihrem Geschäftspartner Mark Kiessling entgegen.

 

Spezielle Produkte für eine spezielle Zielgruppe

Reitz und Kiessling wollten sich von Anfang von klassischen Buch- und Zeitschriftenhandlungen abheben. „Wir sind kein Buchladen, der auch ein paar Magazine anbietet. Wir sind ein Fachgeschäft für Magazine, das auch einige Bücher hat“, erklärt Kiessling das Konzept. Bei „do you read me?!“ wird man nie den neuesten „Harry Potter“-Band finden. Dafür aber hunderte Zeitschriften, von denen Laien noch nie etwas gehört haben – viele davon in Englisch. Der Schwerpunkt des Sortiments liegt auf Magazinen aus den Bereichen Kunst, Mode, Design, Architektur, Kultur und Gestaltung. Oft sind es dicke Wälzer mit festem Papier, richtig hochwertig, und mit mehr Fotos als Texten. Keine 08/15-Hefte, sondern spezielle Produkte für eine spezielle Zielgruppe.

Aber das Geschäft läuft – nun schon seit über neun Jahren. Dafür sind die beiden Gründer über die Stadtgrenzen hinaus aktiv: Mehrfach im Jahr verkaufen sie ihre Magazine auf Designforen wie der „Design Miami/ Basel“, die während der Art Basel stattfindet, der „Ventura Lambrate“ in Mailand oder der Biennale Interieur in Kortrijk. „Wir überlegen immer ganz genau, welche Titel zur Zielgruppe passen“, sagt Reitz. „Dann packen wir zwei Tonnen Zeitschriften ein und schicken sie mit dem Transporter los.“

 

Ohne Strategie zum Internetruhm

Die Mühe lohnt sich: „do you read me?!“ ist mittlerweile bekannt in der Szene und wird aktiv von Veranstaltern eingeladen. Auch digital ist das Geschäft zur Marke geworden. Kiessling weiß: „Das Internet hat eine große Macht, wenn man Aufmerksamkeit generieren möchte.“ Eine eigene Webseite ist die Grundvoraussetzung. Aber noch wichtiger sind die sozialen Netzwerke. Auf Facebook postet das Team – mal in Englisch, mal in Deutsch – mindestens einmal pro Woche und erreicht damit mehr als 15.000 Fans. Über Instagram verfolgen rund 11.700 Follower, was die Printexperten Neues im Laden haben. „Eine richtige Strategie“, verrät Kiessling, „haben wir gar nicht. Wir posten meistens das, was wir selbst gut finden.“

Angefangen habe das Engagement in den sozialen Netzwerken vor einigen Jahren mit einer Mitarbeiterin, die Instagram privat genutzt hat. „Auf einmal hatten wir 5.000 Fans, dann 10.000. Wir waren selber erstaunt“, erinnert sich der Grafikdesigner. Ein Vorteil: Viele Magazine von „do you read me?!“ setzen auf opulente Fotos. Die können die Inhaber abfotografieren und haben ohne großen Aufwand bildstarke Inhalte für ihre Social-Media-Kanäle. Außerdem gibt es immer mal wieder Einblicke in ihre Messestände und andere Veranstaltungen wie das Gallery Weekend in Berlin.

Aber warum machen sich zwei junge Menschen in den 2000er-Jahren mit einem Fachgeschäft für Zeitschriften selbstständig? Inmitten der Boomphase des Internets? „Ein Magazin kann ich mitnehmen, Freunden zeigen, verleihen“, sagt Reitz. „Und unsere Titel sind ja keine, die man nach dem ersten Durchblättern wegwirft. Die sind hochwertig und bleiben für die Zielgruppe lange relevant.“ Dazu kommt die eigene Leidenschaft: Die 40-Jährige hat eine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht, später im Marketing für ein Theater gearbeitet. „Kunst, Kultur und Literatur sind mir sehr wichtig.“ Kiessling war schon vorher mit einem Grafikbüro selbstständig und auf die Gestaltung von Büchern und Magazinen spezialisiert.

 


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Nicht jeder Plan geht auf

Zusätzlich zum Verkauf im Laden in Mitte hatte „do you read me?!“ mal einen Reading Room in der Potsdamer Straße. Dort haben Reitz und Kiessling Buchpräsentationen, Ausstellungen und Meet & Greets mit Autoren organisiert. 2014 haben sie das Projekt beendet. „Die Vorbereitung hat uns immer viel Zeit gekostet und sich letzten Endes nicht mehr gerechnet. Auch, weil wir in der Potsdamer Straße deutlich weniger Laufkundschaft hatten“, sagt Reitz.

„do you read me?!“ ist zudem für einige Großabnehmer tätig. Cafés wie Bonanza Coffee, Hotels wie das Michelberger oder Betreiber von Coworking Spaces wenden sich an den Zeitschriftenhändler, um ihren Gästen eine interessante Lektüre anbieten zu können. „Wir stellen den Firmen ein Paket zusammen, das zu deren Klientel passt, und nehmen ihnen damit Arbeit ab“, erklärt Reitz die Kooperationen.

Gibt es weitere Expansionspläne? „Wir haben natürlich mal überlegt, einen Laden in Frankfurt oder München aufzumachen“, sagt Kiessling. „Meistens scheitern diese Pläne aber am Zeitmangel. Wir kennen andere Städte einfach nicht gut genug, um zu wissen, wo das Potenzial für ein Geschäft wie unseres am größten wäre. Uns ist es auch wichtig, alles in einem überschaubaren Rahmen zu halten.“

Quelle Headerbild: do you read me?!